Ratgeber · Praxis & Wissenschaft
Sekundärzitate — wann „zitiert nach" erlaubt ist
Sekundärzitate — also Quellen, die du über eine andere Quelle vermittelt zitierst — sind in Hochschularbeiten verpönt, manchmal verboten, manchmal unausweichlich. Dieser Ratgeber zeigt, wann sie zulässig sind, wie du sie pro Style korrekt formatierst und warum „im Notfall doch ins Original schauen" fast immer der bessere Weg ist.
Warum Sekundärzitate ein eigenes Thema sind
In der wissenschaftlichen Praxis gilt eine einfache Erwartung: was du zitierst, hast du auch gelesen. Das ist die Grundlage dafür, dass eine wissenschaftliche Arbeit auf eigenständiger Quellenarbeit beruht und nicht auf der bloßen Wiedergabe dessen, was andere bereits geschrieben haben.
Sekundärzitate verletzen diese Erwartung — und genau deshalb haben sie eine eigene formale Behandlung. Wer Weber von 1922 zitiert ohne Weber gelesen zu haben, sondern nur Schmidts Wiedergabe von 2020, übernimmt die Aussage Webers durch das Filter von Schmidt: durch Schmidts Auswahl, durch Schmidts Interpretation, durch Schmidts Fehler. Das ist eine substanzielle methodische Einschränkung, die kenntlich gemacht werden muss.
In der Praxis sind Sekundärzitate aus zwei Gründen unausweichlich. Erstens, weil manche Originale schlicht nicht zugänglich sind — historische Quellen in Archiven, fremdsprachige Texte ohne Übersetzung, vergriffene Bücher ohne Bibliothekszugang. Zweitens, weil Hausarbeits-Deadlines real sind und das aufwendige Beschaffen eines Originals manchmal nicht in den Zeitrahmen passt. Beides ist legitim — aber muss kenntlich gemacht werden.
Wann das Original beschaffbar ist
Die wichtigste Frage, bevor du ein Sekundärzitat einbaust: ist das Original wirklich nicht zugänglich, oder wäre es mit fünf Minuten Recherche da? 2026 ist die Schwelle für „nicht zugänglich” niedriger als noch vor zehn Jahren:
Englischsprachige wissenschaftliche Artikel sind über Google Scholar, JSTOR, PubMed, Web of Science meistens in Sekunden auffindbar. Wenn deine Bibliothek einen Zugang hat (was bei den meisten deutschen Universitätsbibliotheken der Fall ist), bekommst du den Volltext direkt als PDF.
Deutschsprachige Klassiker (Weber, Marx, Habermas, Luhmann) sind in fast jeder Universitätsbibliothek als Volltext-Ausgabe vorhanden. Viele liegen mittlerweile auch open access vor (Projekt Gutenberg, Deutsches Textarchiv, Internet Archive).
Vergriffene Bücher lassen sich über Fernleihe in der Regel innerhalb von ein bis zwei Wochen besorgen. Bei knappen Deadlines ist das zu lang — aber bei Planung mit drei Wochen Vorlauf machbar.
Historische Archivquellen sind oft nur vor Ort einsehbar. Hier ist ein Sekundärzitat häufig zwangsläufig, vor allem in Hausarbeiten (Master- und Doktorarbeiten erwarten in der Regel zumindest punktuelle Archivbesuche).
Fremdsprachige Quellen (Chinesisch, Arabisch, Russisch, alte Sprachen) ohne dass du die Sprache beherrschst — hier ist ein Sekundärzitat akzeptiert, sofern du das transparent machst.
Faustregel: wenn das Original mit Bibliothekskonto und 30 Minuten Aufwand zu beschaffen wäre, beschaffe es. Wenn es länger dauert oder strukturell nicht zugänglich ist, ist ein Sekundärzitat legitim — aber mit dem entsprechenden Kennzeichen.
Format pro Citation-Style
APA 7th
APA 7th hat eine sehr klare Regelung: das Original wird im Fließtext genannt, der Verweis steht aber auf die sekundäre Quelle. Im Literaturverzeichnis erscheint nur die sekundäre Quelle.
Fließtext: Weber (1922, zitiert nach Schmidt, 2020) argumentiert, dass…
Oder als parenthetischer Verweis: (Weber, 1922, zitiert nach Schmidt, 2020, S. 47).
Im Literaturverzeichnis steht nur Schmidt: Schmidt, T. (2020). Webers Theorie der Bürokratie heute. Springer VS.
Die englische APA-Variante schreibt „as cited in” statt „zitiert nach”.
Harvard nach Cite Them Right
CTR behandelt es ähnlich, aber die Konvention im englischsprachigen Raum ist „cited in” oder „quoted in”:
Fließtext: Weber (1922, cited in Schmidt 2020, p.47) argues that…
Im Literaturverzeichnis steht ebenfalls nur Schmidt. CTR bevorzugt, dass der Original-Autor in der Klammer steht, nicht im Fließtext-Satz selbst — das ist aber Lehrstuhl-abhängig.
Deutsche Zitierweise (DIN ISO 690)
Hier wird oft sowohl die ursprüngliche als auch die sekundäre Quelle im Literaturverzeichnis genannt — mit dem Hinweis, dass die ursprüngliche nicht im Original eingesehen wurde:
Fließtext: Weber argumentiert, dass… (Weber 1922, zit. nach Schmidt 2020, S. 47).
Im Literaturverzeichnis: Weber, M. (1922): Wirtschaft und Gesellschaft. Tübingen: Mohr. [Nicht im Original eingesehen, zit. nach Schmidt 2020.] Schmidt, T. (2020): Webers Theorie der Bürokratie heute. Wiesbaden: Springer VS.
Diese explizite Doppelnennung mit „Nicht im Original eingesehen”-Klammer ist eine Konvention vor allem an deutschen Hochschulen — international weniger üblich.
Chicago 17th
Chicago erlaubt beides — entweder nur die sekundäre Quelle (wie APA) oder beide mit „quoted in”-Formel. Die Author-Date-Variante neigt zur APA-Linie, die Notes-Bibliography-Variante zur Doppelnennung.
MLA 9th
MLA verlangt „qtd. in” im Fließtext und nur die sekundäre Quelle im „Works Cited”:
Fließtext: …as Weber argues (qtd. in Schmidt 47).
Works Cited: Schmidt, Tobias. Webers Theorie der Bürokratie heute. Springer VS, 2020.
Was du nicht tun solltest
Sekundärzitate ohne Kennzeichen: das wäre Plagiat-nah, weil du suggerierst, das Original gelesen zu haben. Selbst wenn die sekundäre Quelle vollständig im Verzeichnis steht, fehlt die ehrliche Markierung „nicht im Original”.
Sekundärzitat als Standard-Strategie: wer in einer 15-Seiten-Hausarbeit zehn Sekundärzitate hat, signalisiert dem Prüfenden mangelnde Eigenarbeit. Selbst wenn jedes einzelne korrekt formal markiert ist, summiert sich der Eindruck.
Wörtliche Zitate aus Sekundärquellen: hier wird es heikel. Ein wörtliches Direktzitat aus einer Originalquelle, das du nur über eine Sekundärquelle hast, ist doppelt gefiltert: einmal durch die Auswahl der Sekundärquelle, einmal durch deren Übernahme. Wörtliche Zitate sollten nach Möglichkeit immer aus der Originalquelle stammen.
Sekundärzitate-Kaskaden („A zitiert B zitiert C zitiert D”): irgendwann ist die Aussage so weit vom Original entfernt, dass sie nichts mehr mit der originalen Aussage zu tun hat. Mehr als zwei Stufen sind methodisch schwer zu verteidigen.
Wenn das Original beschaffbar ist, aber kostet (Zeit, Geld, Sprachkenntnisse)
Eine ehrliche Praxis-Empfehlung: vor der Verwendung eines Sekundärzitats geh die folgenden drei Schritte durch:
Erstens, ist die Aussage so wichtig für deine Arbeit, dass sie das Original-Lesen wert ist? Wenn die Aussage nur ein Beispiel-Verweis ist, der dein Argument illustriert aber nicht trägt, kannst du den Verweis auch weglassen oder eine andere zugänglichere Quelle finden, die dasselbe stützt.
Zweitens, gibt es eine zugängliche Alternative? Wenn Weber 1922 die einzige Quelle für deine Aussage ist, ist das ein anderes Problem als wenn es zehn neuere Quellen gibt, die dasselbe sagen — bei zehn Alternativen nimm die zugänglichste.
Drittens, wenn die Aussage wichtig ist und keine Alternative existiert: dann lohnt es, das Original wirklich zu beschaffen. Fernleihe, Universitätsbibliothek, Online-Archive, im Notfall ein Bekannter mit Bibliothekszugang an einer anderen Universität. Eine Woche extra Wartezeit ist die methodische Integrität wert.
Häufige Fragen aus der Hochschulpraxis
„Mein Betreuer hat Sekundärzitate verboten — was tun?” Ein vollständiges Verbot ist legitim, vor allem in qualitativ hochwertigen Modulen. Lösung: das Original beschaffen oder eine andere Quelle finden. Ein offen ausgesprochenes Verbot ohne Sanktionierung („ist verboten, aber kommt schon mit durch”) gibt es nicht — wenn der Verbot kommuniziert wurde, gilt er bei der Bewertung.
„Im Reader des Seminars steht eine Aussage von Müller, kann ich das als Sekundärzitat machen?” Ein Reader ist eine Sammlung von Texten, die ein Lehrender für sein Seminar zusammengestellt hat. Wenn der Reader den vollständigen Originaltext enthält, ist das kein Sekundärzitat — du hast Müller im Original gelesen, nur über ein anderes Medium. Wenn der Reader nur Zusammenfassungen oder Auszüge enthält und der Volltext fehlt, gilt es als Sekundärzitat.
„Kann ich Vorlesungs-Folien als Quelle zitieren?” Folien sind Sekundärquellen — sie wiedergeben die Position der vortragenden Person zu fremden Inhalten. Wenn die Folie eine fremde Aussage zitiert (Müller 2020 auf Folie 23), ist das ein Sekundärzitat im strengen Sinn, weil du Müller über die Folie zitierst, nicht direkt. Empfehlung: das Original der Aussage suchen, das hat fast immer der Dozent in seiner Literaturliste.
Worauf es ankommt
Sekundärzitate sind die Notbremse für Quellen, die du wirklich nicht ans Original kommst — nicht der Standardweg. Wann immer das Original beschaffbar ist (englische Artikel über Bibliothek, deutsche Klassiker open access, neuere Bücher per Fernleihe), nimm das Original. Wenn nicht: klar kennzeichnen, beide Quellen oder die sekundäre im Verzeichnis je nach Style, und im Methodenteil kurz begründen, warum.
FAQ
Häufige Fragen
Was genau ist ein Sekundärzitat?
Ein Sekundärzitat ist die Übernahme einer Aussage aus einer Quelle, die du selbst nicht im Original gelesen hast, sondern nur in der Wiedergabe durch eine andere (sekundäre) Quelle. Beispiel: in einem Aufsatz von Schmidt (2020) steht eine Aussage von Weber (1922). Wenn du Weber nicht im Original gelesen hast, sondern nur Schmidts Wiedergabe, ist deine Bezugnahme auf Weber ein Sekundärzitat — gekennzeichnet mit „zitiert nach Schmidt 2020" oder „as cited in".
Warum sind Sekundärzitate problematisch?
Drei Gründe. Erstens: die sekundäre Quelle kann das Original falsch wiedergegeben oder aus dem Kontext gerissen haben — du übernimmst den Fehler ohne ihn zu prüfen. Zweitens: du suggerierst, das Original gelesen zu haben, ohne es gelesen zu haben. Drittens: deine Aussage hängt am Urteilsvermögen der sekundären Quelle, nicht an deinem eigenen — das schwächt die argumentative Stärke deiner Arbeit.
Wann sind Sekundärzitate trotzdem zulässig?
Wenn das Original nicht zugänglich ist (Sprache, die du nicht beherrschst; vergriffenes Buch ohne Bibliothekszugang; historische Quelle, die nur über Archiv erreichbar ist) und die Aussage trotzdem wesentlich für deine Arbeit ist. Auch wenn du die sekundäre Wiedergabe selbst zum Thema machst („Schmidt rezipiert Weber als..."). Nicht zulässig, wenn das Original mit fünf Minuten Recherche zugänglich gewesen wäre und du nur Bequemlichkeit als Grund hattest.
Wie viele Sekundärzitate sind in einer Hausarbeit akzeptabel?
Faustregel: maximal zwei bis drei in einer 15-Seiten-Hausarbeit. Mehr signalisiert dem Prüfenden, dass die Arbeit auf Sekundärquellen statt auf eigener Quellenarbeit basiert. In Master- und Doktorarbeiten gilt ein Sekundärzitat als Ausnahme, die im Methodenteil oder in einer Fußnote begründet werden sollte.
Was schreibe ich, wenn das Original gar nicht greifbar ist?
Ehrlich kennzeichnen: „Weber (1922, zitiert nach Schmidt 2020, S. 47)" mit beiden Quellen im Literaturverzeichnis (oder nur Schmidt, je nach Style — APA 7th verlangt nur die sekundäre Quelle). Im Methodenteil oder einer Fußnote begründen, warum das Original nicht herangezogen wurde („vergriffen, nicht über Fernleihe verfügbar"). So vermeidest du Plagiat und dokumentierst Transparenz.
Quellen
Worauf dieser Ratgeber sich stützt
- American Psychological Association — Citing Secondary Sources (Online-Ergänzung zu APA 7th)
- Pears & Shields — Cite Them Right, 12th Edition: Secondary referencing
- Sandberg, B. — Wissenschaftliches Arbeiten von Abbildung bis Zitat
- Weber-Wulff, D. — Sekundärquellen und ihre Risiken (Open Access Beitrag, FH Berlin)